Manchmal sind es nicht die Katzen, die sich in den Vordergrund drängen, die unsere Aufmerksamkeit am meisten verdienen. Manchmal sind es die, die ganz still warten. So wie ich. Ich bin Lucy und vor gut sechs Monaten bin ich ins Tierheim gekommen. Damals ahnte noch niemand, was die kommenden Monate für mich bereithalten würden.
Zunächst schien alles ganz normal. Ich wurde tierärztlich untersucht und dann kam heraus, dass ich gar nicht alleine ins Tierheim gekommen war. Ich war schwanger. Doch kurz darauf wurde ich sehr krank. So krank, dass es um mein Leben ging und ich in eine Tierklinik gebracht werden musste. Mein Körper war so schwach, dass ich ohne Hilfe keine Chance gehabt hätte. Damit ich überhaupt weiterkämpfen konnte, bekam ich sogar eine Ernährungssonde. Ich musste mich entscheiden, obwohl ich gar nicht entscheiden konnte: kämpfe ich weiter oder gebe ich auf? Ich habe gekämpft. Tag für Tag. Schritt für Schritt. Und irgendwann war ich wieder stark genug, um zurückzukommen.
Meine Kinder haben es leider nicht geschafft. Es gab eine Entscheidung, die niemand treffen möchte: Entweder man versuchte, meine Babys zu retten und riskierte dabei, mich zu verlieren – oder man kämpfte um mein Leben. Eine furchtbare Entscheidung. Aber heute bin ich hier. Ich habe überlebt.
Und vielleicht ist genau das das Unglaubliche: Wenn ihr mich heute anschaut, würdet ihr meine Geschichte kaum vermuten. Ich sehe nicht aus wie eine Katze, die um ihr Leben kämpfen musste. Ich spiele, ich kuschle, ich erzähle meinen Pflegern meine kleinen Geschichten und genieße die ruhigen Momente. Nur manchmal, wenn man mir in die Augen schaut, könnte man meinen, dort ein kleines Stück von dem zu sehen, was hinter mir liegt. Vielleicht ist es dieser etwas traurige Blick, der mich verrät.
Aber wisst ihr, was mich wirklich traurig macht? Dass ich trotz allem immer noch hier bin. Ich hatte schon so viele Besucher. Menschen kommen ins Tierheim, schauen sich nach einer Katze um und gehen wieder. Manchmal dachte ich vielleicht: Dieses Mal bist du es, Lucy. Aber wieder wurde jemand anderes ausgesucht. Und ich blieb zurück.
Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht sofort auf fremde Menschen zugestürmt komme. Vielleicht falle ich optisch nicht besonders auf. Vielleicht bin ich am Anfang einfach ein bisschen zu ruhig, zu vorsichtig und zu unaufdringlich. Ich bin nun einmal keine Katze, die sich jedem sofort an den Hals wirft. Aber vielleicht muss ich das auch gar nicht sein.
Denn wenn ihr mir die Chance gebt, mich kennenzulernen, dann lernt ihr die Lucy kennen, die meine Pfleger sehen. Eine Lucy, die gerne „erzählt“. Eine Lucy, die unglaublich gerne kuschelt. Eine Lucy, die Nähe genießen kann, wenn sie Vertrauen gefasst hat. Eine Lucy, die einfach eine ganz tolle Katze ist. Ich brauche nur jemanden, der nicht nach fünf Minuten sagt: „Die ist nichts für mich.“ Ich brauche jemanden, der sagt: „Dann komme ich eben noch einmal.“
Nach allem, was passiert ist, wünsche ich mir kein aufregendes Leben mehr. Ich brauche keinen großen Trubel und auch kein Zuhause, in dem ständig etwas passiert. Ich wünsche mir Ruhe. Sicherheit. Geborgenheit. Und Menschen, bei denen ich einfach Lucy sein darf.
Bitte nehmt mich nicht auf, weil ihr Mitleid mit mir habt. Ich möchte nicht die Katze sein, die jemand „rettet“, weil sie eine schlimme Vergangenheit hatte. Ich möchte die Katze sein, die ihr einfach von Herzen mögt. Ich wünsche mir ein ruhiges Zuhause ohne Kinder und ohne andere Katzen. Andere Katzen brauche ich wirklich nicht, ich möchte meine Menschen gerne für mich haben und in meinem Zuhause meine Ruhe genießen können.
Ein gesicherter Balkon wäre ein wunderschöner Bonus, auf dem ich die Welt beobachten und ein bisschen Sonne genießen kann. Unter passenden Bedingungen wäre auch Freigang möglich, zwingend notwendig ist er für mich aber nicht. Was mir viel wichtiger ist: Ich möchte einen Ort, an dem niemand etwas von mir erzwingt. Einen Ort, an dem ich mich zurückziehen darf, wenn mir danach ist, und an dem ich irgendwann ganz von alleine auf euch zukomme.
Vielleicht ist das Wichtigste, was meine neuen Menschen mitbringen sollten, Geduld. Ihr müsst verstehen, dass Vertrauen Zeit braucht. Ich kann nicht versprechen, dass ich euch beim ersten Besuch sofort auf den Schoß springe. Vielleicht beobachte ich euch erst einmal aus sicherer Entfernung. Vielleicht brauche ich mehrere Besuche, bis ich euch wirklich vertraue. Aber bitte gebt dann nicht auf. Gebt mir die Chance, euch zu zeigen, wer ich wirklich bin.
Ein bisschen Erfahrung mit Katzen wäre schön, damit ihr versteht, dass man eine Katze nicht zu Nähe zwingen kann. Viel wichtiger als jahrelange Erfahrung sind mir aber Menschen mit einem großen Herzen, die meine Grenzen respektieren und mir die Zeit geben, die ich brauche.
Ich möchte nicht viel. Ich möchte endlich nach Hause. Ich möchte morgens irgendwo sicher aufwachen und wissen, dass ich bleiben darf. Ich möchte einen Lieblingsplatz haben. Menschen, deren Stimme ich kenne. Hände, denen ich vertraue. Einen Ort, an dem ich mich einkuscheln kann, ohne Angst haben zu müssen, dass wieder alles vorbei ist.
Ich möchte spielen, wenn mir danach ist. Ich möchte mich unterhalten. Ich möchte kuscheln. Und ich möchte ganz viel schlafen und einfach nur ein ganz normales Katzenleben führen. Nach allem, was ich erlebt habe, wäre ein ganz normales Leben für mich wahrscheinlich das größte Geschenk überhaupt.
Ich habe so lange gekämpft, um hier zu sein. Jetzt möchte ich endlich irgendwo ankommen. Vielleicht bist du der Mensch, der nicht nur an mir vorbeischaut. Vielleicht bist du der Mensch, der in meinen traurigen Augen nicht „zu zurückhaltend“ sieht, sondern eine Katze, die einfach ein bisschen länger braucht. Vielleicht bist du der Mensch, der ein zweites Mal kommt.
Und vielleicht bist du am Ende genau der Mensch, auf den ich die ganze Zeit gewartet habe.
Ich warte noch immer.
Deine Lucy
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